Politik – Zeit

Entscheidend für meinen Weg in die Politik war ein Halbjahresprojekt, das in der sechsten Klasse auf dem Lehrplan stand. Das Thema durften wir frei wählen. Ich habe mich damals, inspiriert durch ein Buch meiner Klassenlehrerin, entschieden eine längere Arbeit über die Geschwister Sophie und Hans Scholl und die Weiße Rose zu verfassen. Was die Geschwister Scholl getan hatten, hat mich tief beeindruckt und politisiert. Sie haben erkannt, dass in Deutschland großes Unrecht geschah und sich nicht abgewandt, sondern waren mit großem Mut dagegen aufgestanden. Und das hatten sie getan obwohl sie wussten, wie gefährlich es für sie sein könnte.

Bild: Eigenes Foto

Ich wurde in der Gewissheit erzogen, das Glück zu haben, in einer Zeit zu leben, in der man seine Meinung äußern darf und in der mir alle Möglichkeiten offen stehen, aber auch, dass man immer auf die Rücksicht nehmen muss, die mehr Unterstützung brauchen. Inspiriert durch den Mut von Hans und Sophie Scholl, wollte ich künftig auch aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Die erste echte Gelegenheit bot sich mir, als kurze Zeit später in Deutschland schreckliche Anschläge auf Asylbewerberheime verübt wurden: Juli 91 * Wismar, September 91 * Hoyerswerda, Oktober 91 * Hünxe und Zwickau, November 91* Greifswald mit 35 Verletzten, Januar * 92 eine dreiköpfige Familie aus Sri Lanka stirbt bei einem Brandanschlag in Lampertheim (Hessen), Mai 92 * Mannheim, August 92 * Rostock-Lichtenhagen und viele weitere. Ab Sommer 92 passieren solche Angriffe manchmal sogar mehrmals wöchentlich. Zu dieser Zeit hat sich in Wiesbaden eine schulübergreifende Antirassismus-AG gegründet, der ich mich angeschlossen habe. Für mich war es unverständlich, wie man Menschen, die bei uns Schutz suchen und vor Krieg, Elend und Unterdrückung, angreifen kann und sie ihres sicher geglaubten Hafens beraubt. In mir wuchs die Überzeugung und der Wunsch, mich auch politisch zu engagieren. So kam ich mit 14 Jahren zur Jugendorganisation der SPD, den Jusos und bin an meinem 16. Geburtstag auch in die SPD eingetreten.

Seitdem ich mein Studium abgeschlossen habe, arbeite im Hessischen Landtag für SPD-Landtagsabgeordnete. Meine Arbeit bildet eine gute Ergänzung, zu meiner ehrenamtlichen politischen Arbeit. So sind mir nicht nur Verwaltungsabläufe vertraut, sondern auch politische Themen in ihrer Tiefe. In den vergangenen Jahren habe ich mich beruflich vornehmlich mit Umweltpolitik und Hochschule befasst. Der spannendste Bereich, den ich bisher betreut habe, war aber zweifelsohne Petitionen. Bürgerinnen und Bürger haben das Recht, sich mit Eingaben an den Hessischen Landtag zu wenden und um Unterstützung für ihr Anliegen zu bitten. Besonders die ausländerrechtlichen Petitionen stellen alle Beteiligten vor eine große Herausforderung. Oftmals ist man mit wirklich dramatischen menschlichen Schicksalen konfrontiert. Nur in wenigen Fällen ist es möglich Entscheidungen zu verändern, weil ein Petent es bis in die Härtefallkommission schafft und dort, unter bestimmten Voraussetzungen, eine Bleibeperspektive gefunden wird. Gerade diese beruflichen Erfahrungen haben mich darin bestärkt, dass wir in der Flüchtlingspolitik eine stabile europäische Zusammenarbeit benötigen. Das heißt für mich, dass wir uns sowohl gemeinsam um die Beseitigung von Fluchtursachen kümmern müssen, aber auch um die vielen geflüchteten Menschen kümmern, die auf der Suche nach einer friedlichen Zukunft sind. Niemand macht sich ohne triftigen Grund auf diesen beschwerlichen und gefährlichen Weg mit ungewissem Ausgang.

Seit September 2004 bin ich Stadtverordnete in Wiesbaden. Die ersten Jahre habe ich die SPD-Rathausfraktion u.a. im Ausschuss für Frauenpolitik vertreten und war frauenpolitischen Sprecherin. Seit mehreren Jahren bin ich Mitglied im Umweltausschuss und seit 2013 umweltpolitische Sprecherin. Zudem vertrete ich die SPD noch im Ausschuss für Planung, Bau und Verkehr. Von 2017 bis 2019 war ich Fraktionsvorsitzende und seit 2019 bin ich stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Rathausfraktion. In diesen bald 17 Jahren habe ich Wiesbaden als Kommunalpolitikerin von vielen Seiten kennengelernt und ich schätze mich glücklich, dass ich dabei Einblicke erhalten habe, die ich sonst nicht bekommen hätte. Ich habe viele Vereine, Institutionen und Firmen besucht und mich mit vielen Menschen dort unterhalten. Auch daher weiß ich, wie vielfältig Wiesbaden ist und wie viele Menschen sich für unsere Stadt und unser Gemeinwohl engagieren. Das ist nicht selbstverständlich! Ich sehe es als eine Aufgabe der Politik diese Menschen zu unterstützen. Das kann mit einem finanziellen Zuschuss geschehen oder aber über die Bereitstellung von Infrastruktur, Beratung und Sachmitteln. Gerade in der Kommunalpolitik kann man sehr direkt und manchmal auch unbürokratisch helfen. Das motiviert mich. Darüber hinaus halte ich die Politik für das geeignete Mittel, um unsere Gesellschaft offen, frei und solidarisch zu gestalten, um unsere Wirtschaft stark und gleichzeitig ökologisch nachhaltig zu machen und die Schönheit unseres Planeten zu schützen. Als Politikerin möchte ich nicht einfach nur zusehen, was geschieht, sondern meinen Beitrag leisten für eine lebenswerte Zukunft vor unserer Haustür und in unserer ganzen Bundesrepublik.